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Gott schütze die CyberTurd AG! (1.9.2017)

Ich habe mir eine voll digitale Gitarre zugelegt. Eine iGitt XY700 professional von der CyberTurd AG aus Nerdhausen. Weil nämlich, und das sage ich hier in aller Offenheit, die Digitalisierung unendlich viele Vorteile bietet. Alles wird super-bequem, man bekommt nicht ständig Kopfweh vom Denken und hat mehr Zeit für interessante Tätigkeiten wie Twittern, Facebooken, Youporn schauen…

Aber jetzt mal im Detail, ok? Also, die Digigi (Abkürzung für Digigitarre) basiert natürlich auf Algorithmen. Und Algorithmen irren sich nie. Die sind nämlich schlauer als wir. Mindestens so schlau wie die Leutchen, die sie erstellen. Und diese Leute sind so dermaßen schlau, dass sie als Einzige wissen, was wir wirklich brauchen. Da würden wir nämlich nie selbst draufkommen. Ich kenne zum Beispiel einen, der weiß nie, wann er aufs Klo gehen muss. Jetzt hat er eine App, die ihm das sagt. Hey Alter, geh scheißen! Geil, oder? Nein, der ist nicht krank, der ist nur… sagen wir, er is’n bisschen doof. So doof wie wir alle eben – ausgenommen natürlich die Herrschaften, die unser Leben in digitale Formate transferieren und sich dumm & dämlich damit verdienen, indem sie uns Zeug andrehen, von dem wir nicht wussten, dass wir es so dringend zum Leben brauchen wie beheizbare Lenkräder oder das Wort zum Sonntag.

Zurück zur Gitarre also. Ich meine natürlich: zur Digigi. Die sieht erst mal aus wie eine normale Gitarre. Optisch ein bisschen an die Stratocaster angelehnt. Kostet aber nur 49,90. Inklusive die App, ohne die gar nichts geht. Und so funktioniert’s: Man klampft ein bisschen darauf herum, das klingt zwar scheiße, aber dafür ist es ja digital. Und spielen lässt sich das Ding auch nicht richtig, aber darum geht es ja gar nicht. Weil die App anhand von Algorithmen sofort extrapoliert, was man eigentlich spielen möchte. Und daraus errechnet sie wiederum deine Spielweise, deine Phrasierungen, dein Feeling. Wahnsinn ist das! Gott schütze die CyberTurd AG!

Ich geb’s zu, das Ergebnis klingt anfangs gewöhnungsbedürftig. Aber dafür kriege ich keine Hornhaut mehr auf den Fingerkuppen und kann mich endlich als Handmodel bewerben. Und ich bin auch nicht mehr unzufrieden mit meinem bescheidenen Können, denn jetzt ist es ja die App, die das einfallslose Genudel produziert. Ja, und ich habe viel mehr Zeit für wichtige Dinge! Denn die lästigen Bandproben entfallen komplett, ich schalte einfach per WLAN meine Digigi dazu. Und für den Gesang habe ich mir ebenfalls eine App zugelegt, die erfindet sogar eigene Texte. Als Kreativ-Parameter habe ich Miley Cyrus und Peter Hammill eingegeben. Erfrischend kyptisch, was da so alles bei rauskommt.

Inzwischen sind meine Bandkumpels ebenfalls auf digitale Instrumente umgestiegen. Wir proben täglich, ohne das Haus zu verlassen und vor allem – ohne uns mit diesen unhandlichen Instrumenten herumplagen zu müssen! Den Proberaum brauchen wir auch nicht mehr, den vermieten wir für einen Hunni die Stunde an unverbesserliche Analog-Neandertaler. Rund um die Uhr, versteht sich.

Auch die Gigs sind viel bequemer geworden. Keine Boxen schleppen, keine Kabel einstöpseln, kein Soundcheck und keine langweiligen Anfahrten mehr. Wir verlinken uns einfach mit dem Veranstaltungsort (will sagen, die App kümmert sich darum) und dort kommt dann der Sound aus den Boxen. Stufenlos bis auf 0db regelbar, damit sich das Publikum während des Konzerts unterhalten kann. Manche Veranstalter stellen auch einen PC auf die Bühne, mit einem Bild von uns als Bildschirmschoner (einer hat mal ein Foto von den Schlümpfen gezeigt, dem hat unser Rechtsanwalt aber sauber was eingeschenkt!). Dann können die Leute auch Fotos von uns auf ihrem Smartphone machen. An alles ist gedacht, besser geht’s nicht.

Der Kreativität sind keine Grenzen mehr gesetzt. Auch was unser Publikum betrifft. Gerade habe ich mir eine neue App heruntergeladen, mit der man sein Wunschpublikum konfigurieren kann. Unser Publikum ist äußert zahlreich, euphorisch, größtenteils jung und weiblich (das bleibt aber unter uns, gell?), bewirft uns mit dezent parfümierter Unterwäsche (auch das sollte unter uns bleiben…) und skandiert mit Vorliebe GIMME ALL YOUR LOVIN’! Wahlweise auch YOU DRIVE ME CRAZY oder YOU ARE SO BEAUTIFUL.

Herrlich ist das. Und so einfach! Wie konnte ich nur ohne all das leben? Aber jetzt muss ich mich erst mal um was anderes kümmern. Es ist zwei Uhr Nachmittag und die Jalousien sind immer noch unten, Licht geht auch nicht, die Waschmaschine rotiert seit sechs Stunden im Leerlauf, der Staubsaugerroboter fährt Amok und das Garagentor knattert ununterbrochen auf und zu… meine SmartHome-App (natürlich von der CyberTurd AG) muss wohl irgendeinen Algorithmus falsch interpretiert haben…