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Ehrlich und handgemacht… (28.2.2019)

Kürzlich ist mir beim Herumschnüffeln auf anderen Websites der häufige Gebrauch dieser beiden Attribute aufgefallen. Und zwar in Verbindung mit dem Wort „Musik“, oder spezifischer noch mit „Rock“. Ehrlicher und handgemachter Rock also. Schon klar, was damit gemeint ist: Mucker-Ehre wird groß geschrieben, kein Blendwerk aus modernen Effekten, da wird in alter Tradition geschwitzt und gegroovt, bis die Schrottgitarren-Deko als Feinstaub von der Decke rieselt. Ist das ehrlich? Aber auf jeden Fall, denn hier wird nichts kaschiert oder trickreich schöngefärbt. Mit der Tele direkt in dem Amp, vielleicht gerade noch ein dezentes Crunch-Pedal dazwischengeschaltet – ist der Gitarrist scheiße, hört man es. So will es die Legende. Blöd nur, wenn er dann auch scheiße ist. Oder einfach nur ein einfallsloser Schrummi. Mit einem super-duper-mega-Effektpedal würde man das allerdings auch hören, wollen wir wetten?

Vor vielen Jahren hatte ich mal ein Schwätzchen mit Paul Young, kennt den hier noch jemand? Also nicht der kanadische Obergrantler und auch nicht der hyperaktive Aussie-Hüpfkobold, sondern Paul, der R&B-Crooner. Seine damals neueste Scheibe war voll auf Hochglanz produziert und irgendwie fiel es ihm schwer, so jedenfalls mein Eindruck, das Dingens angemessen zu promoten. Dies hat mich zu der Frage veranlasst, was er denn am liebsten machen würde, wenn er die Freiheit dazu hätte. Ludwig Schlagzeug, so die Antwort. Fender Jazz Bass, Hammond Orgel, ein Bläsersatz. Übrigens hat er seine Sachen später mit genau diesen Ingredenzien auf die Bühne gebracht. Von „ehrlich“ und „handgemacht“ war in diesem Zusammenhang nicht die Rede. Paul war und ist vielleicht immer noch ein großer Motown-Fan (später kam dann noch Tex Mex dazu), und genau dieser Sound hat ihm vorgeschwebt. Das kann man jetzt „retro“ oder „vintage“ nennen. Aber „ehrlich“?

Wenn es ehrliche Musik gibt, dann muss es auch unehrliche Musik geben. Ist damit alles gemeint, was nicht „mit der Hand“ gemacht ist? Zum Beispiel Techno, Hip Hop, Elektro… also schlichtweg alles, wo der böse Computer seine digitalen Schmutzfinger im Spiel hat? Na gut, einmal kurz bei Bayern 3 reinhören und der Fall ist klar. Aber muss man sich gegen so etwas auch noch abgrenzen? Da liegen doch Welten dazwischen.


Ich habe mir die Mühe gemacht und nach meiner eigenen Definition für „unehrliche“ Musik geforscht. Und bin fündig geworden im Genre des melodiösen Hardrock. Was da alles herumkrebst unter den Labels Rock-Ballad, Feuerzeughymne usw… gibt’s eigentlich so etwas wie Schmuse-Metal? Da ist es nur noch ein kurzer Weg bis zum Schlager. Und wenn das Zeug zehnmal auf Englisch gesungen wird und das Gitarrensolo bei 2:45 durchaus seine Qualitäten hat. Seicht bleibt seicht, da helfen keine Pillen. Lasst euch also bloß nicht von mir erwischen, wenn ihr „Winds Of Change“ covert!
Und dann muss natürlich alles noch „handgemacht“ sein. Frage: Wie sollen wir es denn sonst durchziehen auf diesen kleinen, engen Kneipenbühnen, wenn nicht von Hand gemacht? Gilt es schon als Frevel, wenn der Drummer über seine Pads digitale Samples abruft, um dem Geschehen ein bisschen zusätzliche Farbe hinzuzufügen? Wenn keine vier Zentner schwere Hammond B3 mitgeschleppt wird, sondern der Sound von einem handlichen Synthi erzeugt wird? Wenn der Keyboarder seine in mühseliger Kleinarbeit ausgetüftelten Sounds von seinem iPad abruft?

Ehrlich und handgemacht könnte gerade noch als Synonym für die Art von Lagerfeuermucke durchgehen, die gemeinhin als „unplugged“ bezeichnet wird. Kann ja auch schön sein. Aber schwitzen tun sie alle, wenn sie auf einer Bühne zugange sind. Die einen mehr, die anderen weniger. Und „retro“ zu sein ist schließlich keine Schande. Aber eigentlich braucht es nicht einmal dieses Etikett.